The New Roses

timmy_rough
Timmy Rough

Zwei Interviewtermine sind dank der Grippewelle Anfang Februar erstmal nicht zustande gekommen. Umso freudiger war es, dass sich Sänger und Gitarrist Timmy Rough am Abend der Release-Show zum neuen The New Roses Album Dead Man’s Voice noch Zeit für ein entspanntes Gespräch genommen hat. Hätte mir Timmy Rough erzählt, dass er irgendwo an den Ufern des Mississippi aufgewachsen wäre, The New Roses früher in einer Scheune in Kentucky geprobt hätten, mittlerweile aber in New Jersey ihr Domizil haben und er nur wegen einer deutschen Großmutter perfektes Deutsch spricht, ich hätte es ihm alles ohne weitere Nachfrage geglaubt. Denn was The New Roses auf ihrem neuen Album abpfeffern ist bis hin zur perfekten Aussprache derart authentischer American-Rock, dass Sie eigentlich offizieller Kulturbotschafter der USA östlich des Atlantiks sein müssten.

 

Ihr habt heute Release-Show für Dead Man’s Voice, die ist ausverkauft habe ich gelesen.

Ja das Kesselhaus hier ist ausverkauft, wir haben dann auch wegen der Nachfrage versucht noch in die nächst größere Halle zu wechseln, aber da war nichts mehr zu machen, die war dann schon belegt.

Wie lange habt ihr auf den Tag heute hingearbeitet?

Das kommt drauf an, wann man anfängt zu rechnen. Die ersten Songs sind direkt nach Without A Trace entstanden, die meisten aber erst letztes Jahr. Wir haben im September angefangen aufzunehmen und die meisten Songs kamen dann so ab Juni/ Juli unmittelbar vor dem Recording, weil ich dann verstanden hatte, was das Album braucht. Aber jetzt mit dem Release fällt einem schon ein Stein vom Herzen, dass alles geklappt hat, weil wir haben das ja wieder in Eigenregie produziert. Jetzt kann man nichts mehr machen. Das ist wie ein Schiff, das man gebaut hat, jetzt schiebt man es raus aufs Meer und es muss jetzt schwimmen.

Ihr seid da auch sehr offen rangegangen. „Thirsty“ kam erst sehr spät noch dazu, war anfangs noch nicht geschrieben und „Partner In Crime“ war erstmal gar kein A-Kandidat.

Bei „Partner In Crime“ dachten wir zwar nicht, dass der Song zu schlecht ist, aber wir dachten er passt nicht zu 100%. Da ist durch die Viertelbetonung im Refrain so eine leichte Indie-Note drin und der war in der Urversion noch ein bisschen weiter weg. Als der Rest des Albums dann langsam Form angenommen hat, habe ich dann einen Weg gefunden, wie man den Song noch an den Rest angleichen kann. Vor allem haben wir ihn live ein paar Mal probiert und gemerkt, dass er bei den Leuten gut ankommt und dass wir Spaß haben ihn zu spielen, dann passt das schon.

Ihr deckt mit Dead Man’s Voice generell eine große Bandbreite innerhalb des Rock ab. Ich höre da Southern Rock, Heavy-Rock oder auch Rock, der nach New Jersey klingt. War es das Ziel, das Album möglichst abwechslungsreich zu gestalten.

norman_bites
Norman Bites

Eher umgekehrt. (lacht) Eigentlich sind die Sachen, die ich schreibe noch viel bunter und wir müssen uns immer bemühen das unter einen Hut zu kriegen und zu sortieren. Da ist von Country-Balladen bis Speed-Metal alles dabei, weil ich auch viel höre, und ich kann mich musikalisch nicht auf etwas Anderes konzentrieren, wenn ich gerade einen Song im Kopf habe. Ich muss den dann erst fertigmachen. Da sind dann Sachen dabei, die sind so weit weg, dass ich sie erst gar nicht vorschlage; und die, die ich dann vorschlage, versucht die Band dann unter einen Hut zu bekommen.

Dead Man’s Voice ist euer erstes Label-Release, wie unterscheidet sich da die Herangehensweise?

Without A Trace hatten wir zwar selbst veröffentlicht, aber für uns selbst hat sich da nicht viel verändert, weil wir schon immer einen hohen Anspruch an uns selbst hatten. Es ist ja nicht so, dass wir eine „Fuck it“-Mentalität hatten und jetzt kommt einer, der sagt, dass wir jetzt richtig arbeiten müssen. Wir haben uns selbst schon immer sehr kontrolliert, alles im Detail betrachtet, in der Selbstvermarktung, wir sind auch eine sehr pünktliche Band, versuchen uns permanent zu verbessern. Deswegen gab es da keine Anpassungsschwierigkeiten oder so. Was jetzt halt dazu kommt ist das Know-How, das wir gar nicht haben können, zum Beispiel, wie so ein Release geplant wird, wann welches Promotion-Tool im Ablauf eingesetzt wird. Da sind jetzt Profis dran, deswegen ist bei diesem Release auch alles auf dem Punkt, die Videos kommen zur rechten Zeit und es läuft alles verzahnter.

Ihr habt ja mit „Dead Man’s Voice“, „Thirsty“ und „What If It Was You“ drei Videos draußen. „Thirsty“ als klassischer Proberaum-Rocker, „What If It Was You?“ als Lyric-Video und „Dead Man’s Voice“ als kleiner Kurzfilm mit Script, Schauspielern, Szenen und allem Drum und Dran. Habt ihr da bei der Konzeption und Umsetzung mit dringehangen oder ist das dann Know-How, das von der Plattenfirma kommt?

Ne, wir machen grundsätzlich die Videos von „The New Roses“ alle selbst. Das war mal aus der Not heraus geboren, weil wir kein Geld hatten. Die Frage war damals, ob wir uns jetzt für viel Geld jemanden mieten, der uns ein Video macht, oder ob wir uns für das gleiche Geld Equipment kaufen und mehrere Videos selbst machen können. Also haben wir Equipment gekauft und uns da reingearbeitet. Mittlerweile macht das echt Spaß, das ist eine tolle Erfahrung. Du siehst auch die Entwicklung, wenn du dir die Videos anschaust, wie das immer besser wurde. „Whiskey Nightmare“ war sogar noch mit dem Handy gefilmt, bei „Long Way“ hatten wir dann schon erste Schnitterfahrung, so wurde das immer mehr advanced. Und jetzt halt „Dead Man’s Voice“, da sind wir mit einem befreundeten Soldaten in die USA geflogen, der spielt die Hauptrolle. Wir sind da durch die Wüste gefahren und haben wild drauflosgedreht. Und die Schauspieler die da kommen sind auch keine Schauspieler, das sind echte Typen, die da rumhingen. Denen haben wir das Lied vorgespielt und gefragt, ob sie Bock haben dabei zu sein und dann haben die mitgemacht. Das war eine total abgefahrene Erfahrung. Es war im Übrigen auch schweinekalt (lacht). Im Video sieht das aus, als wären es 30°, aber tatsächlich waren das ziemlich genau 0° und der arme John musste dann die ganze Zeit im T-Shirt durch die Wüste rennen.

„What If It Was You“ finde ich extrem ergreifend, weil es eine ganz andere Betrachtungsweise auf Terror und Gewalt bietet, abseits der medialen Berichterstattung und völlig entpolitisiert aus der Sicht der Opfer und Angehörigen, die eben nicht einfach den Fernseher ausschalten können. Wie bist du darauf gekommen? Ich fand das großartig, das Thema aus dieser Sicht zu beleuchten.

hardy2
Hardy

Danke. Die Idee fing an während einer Halbzeit von der letzten Fußballweltmeisterschaft. Ich hatte Gäste zu Hause, es war bisschen was los und in der Halbzeit gab es Nachrichten. Da hieß es dann, dass es irgendwo 48 Tote bei einem Anschlag gegeben hat. Ich bin dann näher zum Fernseher, um besser zu hören, dann hat irgendjemand umgeschaltet, weil das nur die Stimmung killt. Ist ja irgendwie auch eine normale menschliche Reaktion, das ist nichts Verwerfliches. Ich dachte halt nur, dass das irgendwie krass ist. Für uns geht der Abend jetzt bei der Werbung für Raffaelo weiter, wo irgendeine Alte auf einer Sonnenliege in der Karibik liegt und für die anderen bei Tod und Zerstörung, die kriegen kein Raffaelo, da gibt es keine Fernbedienung mit der die umschalten können. Der Eindruck hat mich verfolgt. Nachts bin ich dann irgendwann aufgewacht und hab mir Gedanken darüber gemacht. Die Message, die da bei mir hängen blieb, war dann irgendwie: „Überleg dir mal, über was du dich eigentlich den ganzen Tag so beschwerst oder rumjammerst: „Mein Auto ist nicht schnell genug, Mein Fernseher ist zu klein, mein Internet ist leer, mein Datenvolumen ist zu teuer, ich brauch neue Schuhe und usw.“ Das sind alles eigentlich nur kleine Problemchen. Aber was wär‘ denn, wenn du jetzt da wärst?“ Der wichtigste Satz in dem Song ist für mich: „In our fate we are born into“. Ich hätte auch dort geboren sein können und wäre jetzt tot. Ab und zu erdet das ganz gut, wenn man sich mal aus sich heraus bewegt und sich in einen anderen reinversetzt; und es macht dankbar für das Leben, das man selbst hat. Das musste ich direkt verarbeiten. Deswegen ist das auch ein ganz wichtiger Song für mich auf dem Album.

Der ist großartig.

Vielen Dank, dann wird die Version heute Abend bestimmt gefallen. Ich werde ihn alleine ohne Band in der Urfassung spielen, so wie ich ihn damals nachts geschrieben hab‘.

Wenn man sich Dead Man’s Voice und vorher Without A Trace und die erste EP anschaut, macht ihr ja kontinuierlich eure Schritte. Wieviel But, Schweiß und Tränen kostet das, von dem Außenstehende gar nichts sehen?

Das ist unvorstellbar harte Arbeit. Was du zum Beispiel auf Tour mitmachst. Wir waren ja mit Accept unterwegs. Da fährst du 11 Stunden nach Prag, spielst eine halbe Stunde, um dann wieder nach Berlin zu fahren und dort zu spielen usw. Direkt nach der Tour mit Accept sind wir dann noch mit Molly Hattchet auf Tour gewesen. Wir hatten viele, viele Gigs letztes Jahr, waren zwischendrin dann noch im Studio und im Urlaub machen wir dann quasi die Videos. Ich glaube wir waren am 21. Dezember dann das erste Mal wieder so richtig zu Hause, da bist du dann erstmal am Arsch. Versteh mich nicht falsch, das ist der geilste Job der Welt und das macht total viel Spaß, weil wir das lieben, aber man bekommt halt nichts geschenkt. Dafür ist es auch genauso geil, wie es anstrengend ist. Wir haben das große Glück unseren Traum leben zu können.

Ihr geht jetzt relativ flott auf Tour…

Jetzt! (lacht)

…Ihr habt eine Menge Shows europaweit anstehen, plant ihr auch irgendwann für die USA, das Release ist ja international.

Ich hab‘ heute schon aus den USA Fotos bekommen, dass sich Leute unsere CD im Laden gekauft haben (grinst). In den USA zu touren ist ganz klar das Major-Ziel. Das ist natürlich der Entfernung zu schulden, dass man da mehr in die Planung gehen muss. Hier sind wir im Zentrum der Bundesrepublik und es gibt keine weiten Strecken, da kann man mal schnell irgendwohin fahren und wenn der Gig dort scheiße ist, fährst du halt nicht mehr dort hin. Die USA sind aber so groß, da kannst du acht Stunden fahren und es kommt nichts, kein Haus, kein Ort, keine Tankstelle, gar nichts, wir haben das ja letztens wieder erlebt, als wir die Westküste entlang und durch die Wüste gefahren sind. In acht Stunden bist du hier einmal durchs Land gefahren. Deswegen kann man da nicht einfach hinfahren und schauen, wie es so läuft, das muss genau geplant sein. Wir arbeiten daran, wir machen American Rock’n’Roll und jedes Mal, wenn wir mit Amerikanern in Berührung kommen ist die Stimmung gut. Deswegen ist das ein Schritt, der kommen wird, aber sehr gut geplant sein muss.

Eine letzte Frage habe ich noch. Du hast eine perfekte Aussprache, die eure Musik erst richtig authentisch macht.

Danke.

Wo kommt die her? Hast du Verwandtschaft in oder aus den USA?

urban_berz
Urban Berz

Keineswegs. Ich glaube das wichtigste ist, dass ich das genauso sehe wie du: Das macht das aus. Die Frage ist doch, wenn du Rock’n’Roll spielen willst und willst Englisch singen: „Warum willst du Englisch singen?“ Es ist ja nicht cooler oder einfacher, es hat einfach einen anderen Fluss, eine Rhythmik und Ästhetik, die im Deutschen nicht herzustellen ist, weil die deutsche Sprache viel kantiger ist, was sich Rammstein ja zum Beispiel auch genau zu eigen macht. Aber diesen bluesigen Flow hinzukriegen, das funktioniert im Deutschen einfach nicht. Und das wollte ich unbedingt. Wenn es einem dann scheißegal ist, wie man das ausspricht, kommt man aber nicht weit. Wir haben ja hier in Wiesbaden die American-Headquarters von der US Army. Ich hab‘ früher dann in den ganzen Bars und Pubs gespielt, wo die Soldaten immer trinken gehen. Ich habe die Jungs gefragt, welche Lieder ich lernen soll, hab‘ vieles kennengelernt, auf das ich alleine nicht gekommen wäre, habe mich mit vielen von denen angefreundet und habe wie ein kleines Kind jede doofe Frage gestellt: „ Was ist das und wie heißt das, was heißt Mülleimer…?“ Du musst zuhören, wenn jemand anderes redet und das üben, das ist es. Ich habe letztens ein Interview mit Tiger Woods gelesen. Er wurde nach seinem Talent gefragt. Er hat gesagt, dass das kein Talent ist, sondern, dass er 5000 Bälle am Wochenende kloppt, während andere saufen gehen. Das ist das Talent. Und genauso habe ich das auch gemacht, ich übe das Zeug, ich höre genau zu und will alles genau wissen. So mache ich es mit meinem Gesang und so mache ich es mit meiner Gitarre. Sonst brauchst du auch nicht nach Amerika zu gehen. Entweder bist du skurril wie Rammstein, aber auf Englisch mit schlechtem Akzent und schlechten Texten kannst du da nicht mithalten. Wir haben vor 13 Jahren angefangen, und Urban und mir war schon immer klar, dass wir nach Amerika wollen und das geht nicht mit einem beschissenen Akzent, da musst du dich dann auch mit den Bands dort messen können. Das geht nur, wenn du es drauf hast. Das geht auch alles nur, wenn du es willst. Und wenn du es willst, dann kannst du nicht drauf warten, dass du morgens aufwachst und plötzlich irgendetwas kannst. Das ist auch einfach harte Arbeit. Also keine Großmutter in Amerika (lacht).

Vielen Dank für das Gespräch.

The New Roses sind:
Timmy Rough: Vocals, Guitar
Norman Bites: Guitar
Hardy: Bass
Urban Berz: Drums

The New Roses Tourdaten

www.thenewroses.com
www.facebook.com/thenewroses

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*